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Daniel Yakubovich Daniel Yakubovich

Schöner bauen per Regierungsprogramm?

Posted on 3. September 20265. September 2026

Zum Wahlkampf in Sachsen-Anhalt und zur AfD,
zum Bauhaus und zur Kulturpolitik

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veröffentlicht bei

Achse des Guten

am 04.09.2026

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Die demonstrative Abwendung der AfD vom Bauhaus in Sachsen-Anhalt ist jüngst auf der Achse des Guten als „Dummheit“ bezeichnet worden. Das ist ein hartes Wort, aber kein falsches. Nur bleibt die interessante Frage gerade dort liegen, wo das Urteil endet. Denn wer das Bauhaus gegen seine politischen Gegner verteidigt, verteidigt damit noch keine gute Architektur. Und wer unter der Überschrift „Schöner bauen!“ einen politischen Feldzug gegen die ästhetischen Zumutungen der Gegenwart verkündet, legt einen Konflikt frei, der tiefer im institutionellen Gemäuer der Baukultur sitzt und älter ist als die Banner, unter denen er heute ausgetragen wird.

Wie tief dieser Konflikt im institutionellen Gemäuer sitzt, zeigt sich an einer seit Jahrzehnten geschlossenen Zirkulation ästhetischer Autorität: Hochschulen lehren, was Wettbewerbsjurys auszeichnen; Wettbewerbsjurys zeichnen aus, was Gestaltungsbeiräte bestätigen; Gestaltungsbeiräte bestätigen, was Hochschulen lehren.

So entsteht ein hermetischer Kreislauf der architektonischen Selbstbeglaubigung. Ein weißer Museumskubus kann drei Preise gewinnen und vor Ort dennoch dastehen wie das mausoleale Verwaltungsgehäuse eines stillgelegten Konzerns. Eine Fassade kann im Erläuterungsbericht „sensibel auf den Kontext reagieren“ und auf der Straße dennoch jedes Gespräch verweigern. Das Urteil des Publikums erscheint dann schnell als ungebildete Regung, während der Irrtum der Experten den Rang einer Theorie genießt.

Das eigentliche Problem liegt deshalb weniger im Gegensatz von Moderne und Tradition als in einem institutionell abgesicherten ästhetischen Monopolanspruch. Über Jahrzehnte wurde eine bestimmte Vorstellung des Zeitgemäßen nicht nur bevorzugt, sondern moralisch aufgeladen. Reduktion galt als Essenz, Ornament als Verbrechen, Wiedererkennbarkeit als Sentimentalität. Aus einer Methode wurde eine Orthodoxie. Ihr Weihrauch roch nach Zementstaub. Die AfD trifft also einen realen Nerv, wenn sie darauf verweist, dass sehr viele Menschen andere Straßen, andere Häuser, andere Plätze wünschen als jene, die der professionelle Betrieb ihnen regelmäßig als zeitgemäß erklärt. Diese Diskrepanz lässt sich nicht dadurch beseitigen, dass jeder Einwand gegen den Modernismus unter Kitschverdacht gestellt wird. Schönheit ist keine mathematische Größe, aber deshalb auch keine Halluzination. Geborgenheit lässt sich nicht normieren, doch ihre Abwesenheit ist erstaunlich zuverlässig spürbar.

Nur beginnt das Problem erneut, sobald aus der berechtigten Kritik ein staatliches Gegenbekenntnis wird. Im Regierungsprogramm ist von „anerkannter Bautradition“ die Rede. Anerkannt durch wen? Durch Ministerialbeamte, Kammern und Jurys? Durch konservativ besetzte Gestaltungsräte mit Lieblingsgesimsen? Oder durch demoskopisch vermessenen Volksgeschmack, der künftig zwischen Traufhöhe und Fensterteilung plebiszitär entscheidet? Wer die Herrschaft eines ästhetischen Priesterstandes beklagt, sollte nicht vorschnell einen neuen weihen.

Auch die Mehrheit besitzt kein unfehlbares Organ für Schönheit.

Romanik und Barock, Neues Bauen und klassische Moderne gehören gleichermaßen zur Baugeschichte unseres Landes. Tradition ist kein Katalog, aus dem der Staat jene Seiten herausreißt, die zur Legislaturperiode passen. Sie lebt gerade davon, dass jede Generation das Palimpsest der Geschichte verändert, wiederentdeckt und überschreibt. Sobald eine Regierung festlegt, welche Form als „anerkannt“ gilt, wird aus Überlieferung Dekret.

Damit wäre wenig gewonnen. Jahrzehntelang hat der Architekturbetrieb bestimmte Formen mit dem Nimbus des Fortschritts versehen; die Gegenreaktion droht nun, andere Formen mit dem Nimbus der Heimat auszustatten. Der Mechanismus bleibt derselbe. Nur das Kostüm wechselt. Aus der Kritik an verordneter Moderne folgt keine verordnete Gegenmoderne. Ästhetischer Etatismus bleibt Etatismus – auch wenn er plötzlich Gesimse trägt. Gerade darin liegt die verführerische Falle des Kulturkampfes. Beide Seiten träumen heimlich vom selben Instrument: von der Macht, den eigenen Geschmack aus der Sphäre des Arguments in die Sphäre der Verfügung zu überführen. Die eine Seite besitzt dafür Lehrstühle, Preisgerichte und Beiräte, die andere hätte gern Erlasse, Förderrichtlinien und Traditionskataloge. Zwischen beiden steht der Bürger und wundert sich, warum ausgerechnet jene, die von Schönheit sprechen, so gern über Zuständigkeit reden.

Der Staat kann sehr wohl Einfluss auf gute Stadt nehmen. Aber nicht, indem er Fassadenstile tauft. Er kann Grundstücke so ordnen, dass wieder Häuser statt Großkörper entstehen; er kann Parzellen, Straßenräume und Plätze sichern, Nutzungen mischen, Erdgeschosse beleben, Dauerhaftigkeit belohnen und Materialien verlangen, die nach zwanzig Jahren altern statt verwesen. Er kann Wettbewerb erzwingen, wo heute Milieus einander bestätigen. Er kann dafür sorgen, dass ein Gebäude nicht nur einem Richtlinienkatalog genügt, sondern das Stadtbild prägt und Identität stiftet.

Dann darf ein moderner Bau modern sein und ein traditioneller traditionell. Ein weißer Kubus kann einen Ort schaffen. Eine klassische Fassade kann bloße Kulisse bleiben. Ein schlichtes Haus kann Würde besitzen; ein ornamentiertes kann sich zur steinernen Hochzeitstorte auftürmen, als hätte ein Zuckerbäcker den Bauplatz übernommen. Stil allein erlöst nichts.

Entscheidend ist, ob Architektur Maß hält, Übergänge schafft und dem Alltag Halt gibt; ob Häuser Nachbarschaft entstehen lassen oder sich als Solitäre verschanzen; ob Menschen sich einen Ort aneignen können oder bloß zwischen Nutzflächen untergebracht werden.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Dummheit: ausgerechnet aus der berechtigten Kritik am ästhetischen Dogma ein neues Dogma zimmern zu wollen. Das Bauhaus braucht keinen Denkmalschutz vor Kritik, die Tradition keinen staatlichen Vormund. Gute Architektur entsteht weder aus Sakralisierung noch aus Revanche. Die Alternative lautet nicht Bauhaus oder Tradition. Die Alternative lautet Pluralismus oder Dogma.

Passend hierzu:

Bauhaus deutsch denken

Für Junge Freiheit 35/2026, Kulturaufmacher

Passend hierzu:

Mein Nachruf auf Léon Krier

Für CATO | Magazin für Neue Sachlichkeit, Ausgabe 05/2026

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