Mogilew 1941
Einzelwerk im Entstehen / Essay
Malerei auf Leinwand · Acryl auf Leinwand · 2026
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Alfons Muchas »Licht der Hoffnung«1 entstand 1933, im Jahr des fünfzehnten Jahrestages der tschechoslowakischen Unabhängigkeit. Ein Jubiläum, das durch die Ereignisse im benachbarten Deutschen Reich überschattet wurde: Menschen flohen über die tschechoslowakische Grenze, während der Nationalsozialismus auch innerhalb der Republik an Einfluss gewann. Mucha beschäftigte sich damals mit dem Entwurf eines großen Gemäldes über die Schrecken des Krieges. Das Vorhaben blieb unausgeführt; »Licht der Hoffnung« gilt als mögliche Studie dazu. Rückblickend lässt sich darin eine künstlerische Prophetie erkennen.
Gerade diese gefährdete Hoffnung beschäftigt mich: ihre Verletzlichkeit, die Anstrengung, sie zu schützen, und die Frage, was von ihr bleibt, wenn das Befürchtete Wirklichkeit geworden ist.
Diese Malerei bildet den einen Pol der vorliegenden Arbeit; der andere entspringt einer spurensuchenden Vergewisserung der eigenen Genealogie. Im Zentrum steht das Schicksal von Simch Yakubovich, geboren 1911, der als frühester dokumentierter Vertreter in der eigenen Ahnenreihe überliefert ist. Seine Lebensspur bricht im Oktober 1941 im weißrussischen Mogilev gewaltsam ab. Mit ihm sind zahlreiche Dokumente und Archive, Dörfer und Städte unwiderbringlich vernichtet worden. Was vor ihm war, lässt sich nicht fassen.
Eine Lichtbildaufnahme aus den Beständen des Bundesarchivs hält eine Hinrichtungsszene fest, die exemplarisch für meinen Urgroßvater steht: Simch Yakubovich wurde von den deutschen Besatzungstruppen unter dem Vorwand der Partisanenbekämpfung durch den Strang hingerichtet – eine der unzähligen Hinrichtungen, mit denen die Wehrmacht und die Einsatzgruppen die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken versetzten. Das historische Dokument zeigt den jungen Mann mit auf dem Rücken gebundenen Händen, den Kopf in der Schlinge, neben ihm das berüchtigte Holzschild mit der Aufschrift „So ergeht es Partisanen“.
Das übernommene Hoffnungsmotiv erhält in diesem Zusammenhang eine zusätzliche Schwere: Zwischen Muchas Gemälde und Simchs Tod liegen acht Jahre. Was sich 1933 als Bedrohung abzeichnete, hatte 1941 Mogilev erreicht und war in das Leben meiner Familie eingebrochen.

- https://www.muchafoundation.org/ (letzter Zugriff: 20. Oktober 2026) ↩︎


