Ein Brief an Nachgeborenen

Tod den Besatzern! Für das Vaterland!
Redaktionelle Notiz
Der folgende Text ist eine literarische Rekonstruktion in Form eines fiktiven Briefes aus der Ich-Perspektive. Er beruht auf genealogischen Dokumenten, Familienüberlieferungen und historischer Kontextualisierung. Die deutsche Fassung ist keine historische Tonaufnahme und kein überlieferter Brief, sondern eine erzählerische Annäherung an eine mögliche Stimme der Person.
Wörtlich überlieferte Aussagen meines Urgroßvaters sowie Passagen aus den Memoiren seiner Ehefrau und den Erinnerungen seines Sohnes, meines Großvaters, sind im Text jeweils kenntlich gemacht. Sie sollen als authentische Zeugnisse von den rekonstruierten und literarisch gestalteten Passagen unterscheidbar bleiben.
Quellenhinweis
Der Text folgt einer literarischen Ich-Perspektive. Wörtlich überlieferte Aussagen und quellennahe Passagen sind durch hochgestellte Siglen kenntlich gemacht. Sie verweisen auf die jeweils zugrunde liegende Überlieferungs- oder Dokumentenebene:
ᴬ autobiographische Angaben Simon Yakubovich
ᴳ Erinnerungen seiner Ehefrau Gita Kreynina
ˢ Erinnerungen seines Sohnes Gregor Yakubovich
ᴰ archivalische, genealogische oder historische Kontextquellen
Nicht eigens markierte Passagen sind als literarische Rekonstruktion zu verstehen. Die Siglen dienen nicht der Unterbrechung des Leseflusses, sondern der Unterscheidung zwischen überlieferter Aussage, dokumentarischer Grundlage und erzählerischer Annäherung.
I. שטעטל — /ˈʃtɛtl/ — Schtetl
Ich wurde am 16. August 1911 in der Siedlung Chotimskᴬ, im Gouvernement Mogiljow im Russischen Kaiserreichᴰ geboren. Mein Vater arbeitete vor der Oktoberrevolution als jüdischer Lehrer und starb im Jahr 1913; meine Mutter in der Stadt Chotimsk als Tagelöhnerin tätig und setzte diese Arbeit auch nach der Revolution bis 1919 fort.ᴬ
Ich hatte und habe keine verurteilten Verwandten, keine politisch entrechteten, keine vom Wahlrecht ausgeschlossenen Personen1 oder andere repressierte Elemente in der Familie. Ich habe einen Bruder, Salomonᴰ, der in Tschernigow als Vorsitzender einer Handwerksproduktionsgenossenschaft arbeitet, Mitglied der KP(b)B ist und derzeit in Westbelarus tätig ist.Disziplinarstrafen sowohl auf Parteilinie als auch auf staatlicher Ebene hatte ich nicht und habe ich nicht. In der Parteiarbeit bin ich Mitglied des Parteikomitees des RWK und gewählter Vorsitzender des Kostikowitscher Rayonkomitees der KP(b)B.
Wenn ich auf meinen eigenen Lebensweg zurückkomme, wurde ich selbst im Alter von sechs Jahren in Chotimsk eingeschult und absolvierteᴰ sie bis 1924, wobei ich sechs Gruppen der Siebenjahresschule abschloss.ᴬ
Meine Mutterᴰ arbeitete von 1919 bis 1922 als Reinigungskraft im Rajon-Gewerkschaftsrat (Raiprofkowet)2 von Chotimsk, von 1922 bis 1925 in der Kantine des Chotimsker Ministerium für Verkehrswege3 und von 1925 bis 1929 als Reinigungskraft im Rajon-Verband.4 Im Jahr 1929 wurde sie altersbedingt und wegen ihrer Invalidität in die Rente der Strachkassa versetzt und lebte damals inder Stadt Tschernigow bei meinem Bruderᴬ bezog ihre Rente von der Versicherungskasseᴰ.
In meiner Kindheit war ich Komsomolze, und ich nahm aktiv am gesellschaftlichen und politischen Leben des Rajons teil.ᴰ Im Jahr 1925ᴬ, als ich etwa vierzehn Jahre alt warᴰ, trat ich nach Gewerkschaftsvertrag als Schuhschaft-Hersteller5 in ein Arbeitsverhältnis bei einem privaten Kleingewerbetreibenden6 ein, wo ich bis 1926 tätig war. Und von 1926 bis 1929 setzte ich dieselbe Arbeitᴰ im Arbeitskollektiv7 der Schuhmacher in Chotimsk als Schuhschaft-Hersteller fort.ᴬ Ebenfalls im Jahr 1925 wurde ichᴰ als Arbeiter in den LKSMB aufgenommenᴬ, und damit begann meine Komsomol- und gesellschaftliche Arbeit. Später war ichᴰ Mitglied des Büros des Kostjukowitschi-Rajon-Komitees des LKSMB (des Leninschen Kommunistischen Jugendverbandes von Belarus)8. Im Jahr 1937 trat ich als Kandidat in die KP(b)B9 (die Kommunistische Partei der Bolschewiki von Belarus) ein, und 1939 wurde ich als Mitglied in die WKP(b)10 (Allunions-Kommunistische Partei der Bolschewiki) aufgenommen.ᴬ

II. אַרבעט — /ˈarbɛt/ — Arbeit
Im Jahr 1929 trat ich als Auszubildender in die Kreditgenossenschaft von Chotimsk ein, wo ichᴰ bis 1930 als Auszubildender11 in der Kreditgenossenschaft12 von Chotimsk tätig war.ᴬ
Im Jahr 1930 wurde ichᴬ im Alter von 19 Jahrenᴰ zum Vorsitzenden des Rajon-Komitees der Gewerkschaft der sowjetischen Handelsangestellten13 und zum stellvertretenden Vorsitzenden des Rajon-Gewerkschaftsrates der sowjetischen Handelsangestellten von Chotimsk gewählt, wo ich bis zum 01. Mai 1931 tätig war. Im Zusammenhang mit der Abschaffung der besoldeten Stelle14 im Rajon-Gewerkschaftsrat wurde ich durch das Rajon-Komitee des Komsomol auf die Stelle eines Finanzinspektors der Rajon-Finanzabteilung15 von Chotimsk versetzt, wo ich bis zur Auflösung des Rajons Chotimsk16 arbeitete.ᴬ
Nach der Abschaffung der besoldeten Stelle im Rajon-Gewerkschaftsrat arbeitete ich ab dem 2. Mai 1931 als Finanzinspektor der Rajon-Finanzabteilung von Chotimsk, undᴰ gemäß dem Beschluss der Liquidationskommission17 wurde ich zum Oberinspektor für Staatseinnahmen18 und zum stellvertretenden Leiter der Rajon-Finanzabteilung des Rajons19 Kostjukowitschi ernannt, wo ich bis zum 19. Februar 1939 tätig war. Ich wurde zum Leiter der Filiale20 Kostjukowitschi der Staatsbank21 ernannt, wo ich bis zum Kriegsbeginn gearbeitet habe.ᴬ
Im Jahr 1932 heiratete ich Gita, mit dem Vatersnamen Berkowna, Kreynina. Schon zwei Jahre später, am 8. Februar 1934, kam unser ältester Sohn Gerassim in Kostjukowitschi zur Welt.ᴰ
Im selben Jahr 1934, mit 23 Jahren, begann ich in Kostjukowitschi die Mittelschule abends, berufsbegleitend zu besuchen und erreichte 1935 den zweiten Kurs des Finanzinstitutsᴰ; später, in den Jahren 1937 bis 1939, wurde ich Mitgliedᴬ mehrerer zentraler gewählter Organeᴰ, nämlich des Plenums des ZK22 der Gewerkschaft der Finanz- und Bankangestellten23 in Minsk, und im Jahr 1937 war ich Mitglied des Büros des Kostjukowitschi-Rajon-Komitees des LKSMB (Komsomol).ᴬ
III. חשבון — /ˈxɛʃbn/ — Rechnung
Mein Dienst in dieser Funktion begann im Februar 1938. Es war ein entscheidendes Jahr für Kostjukowitschi – der Ort erhielt offiziell den Status einer Stadt in der Oblast Mogiljow. Durch Beschluss des Rajon-Parteikomitees wurde ich als Leiter hierher versetzt, nachdem ich zuvor als Inspektor für Staatseinnahmen in der Rajon-Finanzabteilung tätig war. Dass man mich aus der Finanzabteilung holte, war folgerichtig: Das System schätzte keine abstrakten Diplome, sondern Zuverlässigkeit und die Fähigkeit, Zahlenkolonnen in die Realität der Planwirtschaft zu übersetzen.ᴰ
Man darf sich das nicht als „Bank“ im modernen, privaten Sinne vorstellen. Wir waren das Nervenzentrum des Rajons. Über meinen Schreibtisch lief der gesamte Geldumlauf. Wir waren der Punkt, an dem die staatliche Planung auf die harte Realität der Produktion trifft. In unserem Rajon arbeiteten vier Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS), es gab 117 Verkaufsstellen, 11 Sparkassen und ein dichtes Netz aus Post und Telegrafen.ᴰ
Dies erzeugte einen massiven Umsatz an Bargeld. Als Leiter hielt ich all diese Knotenpunkt zusammen. Seit der Kreditreform der frühen 30er Jahre war die Logik unerbittlich: Warenkredite wurden durch direkte Bankkredite ersetzt. Ich war dafür verantwortlich, dass die Betriebe – vom Flachswerk bis zum Industriekombinat – liquide blieben, aber strikt nach Plan.ᴰ
Mein täglicher Kampf waren Disziplin und Kontrolle. Ich war gewissermaßen das Scharnier in der großen Maschinerie des Staates, und solange meine Bilanzen aufgehen, bleibt das System stabil. Die Arbeitstage teilten sich dabei in vier große Blöcke auf, die keinen Raum für Nachlässigkeit ließenᴰ:
Zunächst überwachte ich die Führung aller Organisationskonten. Jede Abbuchung, jede Pfändung musste rechtlich wasserdicht sein. Wir handelten nicht „auf Zuruf“, sondern nach Gesetz.ᴰ
Neben den Abrechnungen und Konten waren die Kasse und das Bargeld ein wichtiger Bereich meiner Arbeit: Die Sicherheit des Tresorraums war meine persönliche Last. Ich sorgte dafür, dass genug Bargeld für Löhne und Dienstreisen vorhanden ist, organisierte die gefährlichen Geldtransporte (Inkasso) und überwachte jedes Siegel und jede Plombe. Wie so oft, war das Wichtigste aber stets das Kurzfristigste: Die Kreditierung. Das war der schwierigste Teil. Ständig saßen Direktoren bei mir, deren „Plan brennt“. Sie flehten um Darlehen. Wenn die Rückzahlungsdisziplin nicht stimmt, musste ich die Auszahlung untersagen – egal, wie laut der Direktor schimpfte. Mein Amt verlangte die Präzision eines Schweizer Uhrwerks, doch mein Alltag erinnerte bisweilen eher an einen Viehmarkt, auf dem man versucht, mir Flachs für Rubel zu verkaufen.ᴰ
Einnahmen und Steuern müssen fließen; Ausfälle und Unstimmigkeiten von Budgetzahlungen hätte fatale Konsequenzen. Daher war der Kassenvollzug der vierte Pfeiler meiner Arbeit.ᴰ
Mein Alltag war also eine Mischung aus akribischer Buchhaltung und operativer Härte. Morgens öffnete ich vorschriftsmäßig den Tresor, glich die Bestände ab und prüfte die Berichte des Vortages. Dann begann der Strom der Menschen: Ein Buchhalter der MTS forderte Bargeld für die Mechanisatoren; ein Ladeninhaber entschuldigte sich für verspätete Einnahmen.ᴰ
Ich brauchte hierfür die Präzision eines Chefbuchhalters und die Härte eines Sicherheitschefs. Jeder Rechenfehler war ein potentieller Notfall, jede Unregelmäßigkeit könnte politisch ausgelegt werden. In einer Zeit, in der Finanzverstöße schnell als Sabotage galten, waren Diskretion und Reputationsmanagement überlebenswichtig.ᴰ
Während ich die Filiale leitete, verliefen in meinem Leben drei Gleise parallel: Meine wirtschaftliche Karriere in der Bank, meine Stellung im Kader der Partei und meine militärische Verpflichtung als Politruk, also als politischer Offizier einer sowjetischen Truppeneinheit der Reserve. Diese Rollen überschnitten sich; meine Erfahrung als Krisenmanager und meine Loyalität machten mich auch für den Kriegsfall zu einem kriegswichtigen Organisator.ᴰ

IV. סדר — /ˈsejder/ — Ordnung
Wenn ich zurückblicke, bleibt mir ausgerechnet 1939 in besonderer Erinnerung. In diesem Jahr wurde unser Sohn Boris geboren. Da spürte ich besonders deutlich, dass sich etwas ändern musste und ich nicht mehr an einem Ort bleiben konnteᴰ: Im selben Jahr 1939 wandte ich mich an die Belarussische Kontor der Staatsbank mit der Bitte um meine Versetzung in die städtische Filiale der Staatsbank, wo ich arbeiten und zugleich meinem Sohn eine angemessene Behandlung ermöglichen könnte, die unter den Verhältnissen in Kostjukowitschi völlig fehlt. Die Kontor der Staatsbank versprach, meinem Gesuch in nächster Zeit stattzugebenᴬ, doch die Frage meiner Versetzung wurde nie abschließendᴰ geklärt.ᴬ
Im Zusammenhang mit der Notwendigkeit meines Umzugs in die Stadt aus den oben genannten Gründen hatte ich Kenntnis davon, dass in Bobruisk ein Leiter der Stadtfinanzabteilung benötigt wurde. Darum war ich einverstanden, zur Arbeit nach Bobruisk als Leiter der Stadtfinanzabteilung24 zu wechseln. Schließlich kannte ich die Finanzarbeit gut, ich wurde wiederholt für eine gute Organisation der Arbeit der Rajfo prämiert und hatte zwei Ehrenurkunden des NKF der BSSR für ausgezeichnete Arbeit in der Rajfo.ᴬ
Im Grunde war die Sache entschieden und bedurfte nur noch der formellen Ausfertigung, undᴰ […] ein Ersatz im Kostjukowitscher Abteilung der Staatsbank war von mir bereits vorbereitet worden; zugleich hätte man mich damit von der Stellung des Leiters der Rayon-Abteilung der Staatsbank entbinden können.ᴬ
Im selben Jahr absolvierte ich in Nischni Nowgorod einen sechsmonatigen Fortbildungskurs für Leiter von Staatsbank-Abteilungen und spürte damals bereits, wie sehr meine Arbeit nicht nur dienstliche Disziplin, sondern auch eine ständige innere Anspannung verlangte.ᴰ In der gesellschaftlichen Arbeit war ich Mitglied des Plenums des Zentralrats (ZP)25 der Gewerkschaft der Finanzangestellten; für herausragende Leistungen im Bereich der Staatseinnahmen erhielt ich vom Volkskommissariat für Finanzen (NKF)26 der BSSR zwei Ehrenurkunden. Für die gute Organisation der Arbeit in der Abteilung der Staatsbank wurde mir durch Befehl der Gebietsfiliale der Staatsbank vom 28. September 1939 ein Dank ausgesprochen, und ferner wurde ich durch Befehl derselben Gebietsfiliale vom 4. November 1939 für die erfolgreiche Erfüllung der Aufgabe zur Verringerung der Zahlungsrückstände27 mit einer Prämie in Höhe von 300 Rubel ausgezeichnet.ᴬ28
Ein Jahr später, 1940, wurde in Kostjukowitschi unser dritter Sohn Grigorij geboren, und zugleich ging meine Arbeit immer deutlicher über den bloßen Dienst hinausᴰ: Im selben Jahr war ich in Kostjukowitschi Mitglied des Büros des Parteikomitees des RVK und Vorsitzender der Revisionskommission des Rayonkomitees der KP(B)B.ᴬ
Ich war etwa dreißig Jahre alt, ein Reservekommandeur im Rang eines Oberleutnants29. Im Frühsommer 1941 führte mich diese Pflicht als Einberufener des Reservistenbestandes30 zur militärischen Fortbildung nach Ossowzy31 in der Oblast Brest. In jenen Tagen vor dem Juni herrschte in den Amtsstuben von Kostjukowitschi wie auch in den Lagern bei Brest eine disziplinierte Ruhe; als am 14. Juni das TASS-Kommuniqué erschien, das die Gerüchte über einen Angriff der Wehrmacht als haltlose Provokation zurückwies, war dies die unumstößliche Richtschnur für unser Handeln.ᴰ
Dennoch gibt es eine Sprache der Zahlen und der subtilen Änderungen administrativer Abläufe, die man in meiner Position zu lesen versteht. Zwischen den Zeilen der regulären Anweisungen zeichneten sich bereits vor meiner Abreise in der Staatsbank deutliche Verschiebungen ab, weil man sich auf den Krieg vorbereitete – Kreditlinien wurden gestrafft, Reserven für den außerordentlichen Bedarf diskret aufgestockt. Es war kein Ausdruck von Unruhe, als die sachliche Sicherung der staatlichen Bestände für jede erdenkliche Wendung.ᴰ
Ein Reserveoffizier stellt keine Fragen nach dem Zeitpunkt; er folgt dem Einberufungsbefehl. Gewiss herrschte in diesen Tagen eine elektrisierende Stille, die entsteht, wenn jeder seine Aufgabe kennt, aber niemand das Offensichtliche ausspricht. Wir arbeiteten bis zur letzten Minute so, als würde der Frieden ewig währen – und bereiteten uns gleichzeitig so vor, als stünde das Unsagbare bevor.ᴰ
Dass ich im Falle einer Besetzung als Teil des zivilen Kerns für den Untergrund zurückbleiben würde, war kein Widerspruch, es war die Erfüllung der Pflicht gegenüber Partei und Vaterland, die uns das Vertrauen geschenkt hatten.ᴰ
V. מלחמה — /mɪlˈxɔmə/ — Krieg
Am 22. Juni 1941 befanden sich im Bereich der Brester Festung nicht nur die dort fest stationierten Truppen, sondern auch Reservisten der 6. und 42. Schützendivision des 28. Schützenkorps der 4. Armee, Grenzsoldaten, NKWD-Einheiten und andere Abteilungen. Es waren Übungslager, unweit der Grenze, im Schatten der alten Zitadelle.ᴰ
Als der Morgen des 22. Juni heraufzog, wurde das Lager zum Schlachthaus. Die Luft über den noch warmen Betten war schlagartig erfüllt vom Geschmack verbrannten Metalls und trockenem Staub. Wir lagen unter dem ersten, vernichtenden Feuer der Wehrmacht.ᴰ Nach den ersten harten Gefechtsberührungen in der Festung empfing ich einen Befehl. Die Garnisonsführung setzte die Aufgabe fest: Ich und acht weitere sollten den sich schließenden Belagerungsring durchstoßen, zu den Hauptkräften der Division bei Grodno durchbrechen und die Lage melden. Der Abmarsch war ein klarer Kampfauftrag.ᴳ
Doch ich hatte Glück im Chaos: Da ich mich im Bereich der Vorstadtlager befand und nicht hinter den dicken Mauern der Festung eingeschlossen war, öffnete sich mir ein schmales Zeitfenster zum Abzug.ᴰ
Während der Belagerungsring um die Zitadelle zuschnappte, konnte ich entkommen, bevor die feindlichen Panzerkeile die Verkehrsadern endgültig abschnitten.32ᴰ
Doch der Auftrag war bereits hinfällig: Am Zielort angekommen, fanden wir nur noch die Trümmer des Verbandes vor – zerschlagen von deutschen Panzerkeilen.ᴰ Von den neun Mann, die in Brest angetreten waren, verblieben nach diesem Marsch nur drei. Angesichts der totalen Vernichtung am Zielort blieb nur eins: Wir trennten uns, jeder auf sich allein gestellt.ᴳ
Mein Auftrag lautete, mich in den Kreis Kostjukowitschi durchzuschlagen und dort das vorbereitete Untergrundnetz aufzubauen. Dass ich im Falle einer Besetzung hinter den feindlichen Linien bleiben sollte – als Teil des Führungskerns der illegalen Bezirksleitung –, war für mich keine Frage. Meine Routine in der Krisenbewältigung und mein Organisationstalent hatten nun ihren eigentlichen Zweck gefunden: den Krieg.ᴰ
Der Weg nach Kostokowitschi war ein Marsch durch ein brennendes Land. Ich schlug mich in kleinen Gruppen durch die Lücken zwischen den deutschen Vorstößen, immer ostwärts zurück in meine Heimat. Kostjukowitschi erreichte ich im August, genau als die Region besetzt wurde. Da war das Regionalzentrum Mogiljow nach mehrwöchiger Belagerung bereits seit Ende Juli gefallen.ᴰ
Mein Verbleib im besetzten Gebiet war auch die Ausführung des Vorkriegsplans. Während die Städte fielen und sich das Okkupationsszenario für die Juden der Region entfaltete – Registrierung, Zwangsarbeit und Ghettoisierung –, schlugen wir unsere Zelte auf und breiteten unsere vorgesehenen Struktur aus. Wir waren das administrative Netzwerk, das planmäßig zurückgeblieben war: Manjko, der Sekretär des Parteikomitees, Tischtschenko, der Leiter der Landwirtschaftsabteilung, und ich. Einst Ordnung der Stadt, wurden wir zur Stille ihrer Wälder. Wir trafen uns zu Arbeitsbesprechungen in den Dörfern, oft mit Genosse Dolgatschow. Es ging um die Logistik des Überlebens und des Kampfes hinter den feindlichen Linien.ᴳˢ
Mit dem ersten Frost kamen auch die Gerüchte von Massenhinrichtungen der jüdischen Bevölkerung. Es sickerte durch die Kurierdienste und die verschwiegenen Gespräche in den Waldverstecken zu uns durch. Ein Bote, der aus der Gebietshauptstadt zu uns durchgebrochen war, brachte die Nachricht von der „Mogilower Konferenz“. Er saß am Feuer, die Hände zitternd, obwohl er kein Neuling im Feld war. Er berichtete von den hohen Offizieren der rückwärtigen Dienste, von den Polizeiführern und den ᛋᛋ-Leuten, die dort zusammengekommen waren. Es war keine gewöhnliche Stabsbesprechung. Es war die technokratische Verschmelzung von Mord und Kriegführung. Unter dem Begriff der „Partisanenbekämpfung“ sollte eine Auslöschung der Juden beginnen. Es gab es keinen Unterschied mehr zwischen dem Mann, der eine Schiene sprengte, und einem Kind, das den gelben Stern trug. Der Jude war der Partisane, und der Partisane war der Jude.ᴰ
In der Nähe von Mogiljow hatten die Faschisten eine Vorführung inszeniert – eine „Lehr-Erschießung“ vor den Augen der versammelten Offiziere.33 Sie hatten Menschen wie Vieh zur Grube geführt. Es war kein Exzess, sondern ein methodisches Lehrstück. Sie übten den Massenmord wie das Exerzieren auf dem Paradeplatz. Anfang Oktober verdichteten sich die Berichte. Die Gruben am jüdischen Friedhof von Mogiljow wurden gefüllt. Tausende.34
Wer jetzt noch zögerte, die Waffe zu heben, hatte sein eigenes Urteil bereits unterschrieben. Wir im Untergrund verschärften die Sicherheitsvorkehrungen. Wir wurden kälter. Das Schweigen wurde zu unserem wichtigsten Werkzeug, weil wir wussten: Wenn sie uns fassen, würden wir nicht als Soldaten sterben, sondern als Lehrmaterial für ihre nächste Vorführung.ᴰ
VI. שווייגן — /ˈʃvajɡn/ — Schweigen
Im Dorf Maschewskaja suchten wir Unterschlupf bei den Brüder Schandow. Einer von ihnen trug zwar ein Parteibuch in der Tasche und stand dennoch im Dienste der Kollaborationspolizei.ˢ Während wir dort waren, holten sie die Häscher ins Haus. Es war eine konzertierte Aktion. Feldgendarmen und einheimischen Schutzmännern umstellten die Hütte.ᴰ35
Als die Salven peitschten, versuchten wir zu fliehen. Eine Kugel traf mein Bein. Sie nahmen mich und Tischtschenko fest.ᴰ Manjko entkam vorerst, aber das Blei war schneller. Sie sollten ihn später in Krasnopole einholenˢ und ihn im Straßengraben erschießen.ᴳ
Wir wurden in die Stadt, in das Quartier der Geheimen Feldpolizei verbracht. Es folgten Verhör und Folterˢ – gründlich und systematisch. Eine Partitur des Schmerzes, die darauf abzielte, Namen und Verstecke zu erzwingen. Ich schwieg. Es gab nichts zu verhandeln.ᴰ Tischtschenko wurde schließlich erschossen. Mein Schicksal war ein anderesˢ; da ich in der Stadt bekannt warᴰ, sollte an mir ein öffentliches Exempel statuiert werdenˢ. Die Erhängung als weithin sichtbares Mal. Ein langsamer, qualvoller Heimfall.ᴰ
Am Tag der Hinrichtung brachten sie mich auf den Platz. Meine Familie war bereits evakuiertᴰ, mein Haus war Asche, mein Hab und Gut geplündert.ˢ Das Schafott war bereit, ein Gerippe aus frischem Holz. Es gab keinen Abschied.
Ich stand oben. Die Schlinge war aus rauem Hanf, die Luft von einem ersten Frost gezeichnet, der den warmen Atem sichtbar machte. Mein zerschossenes Bein war nur noch eine ferne Schwere, ein Gewicht, das bald nichts mehr bedeuten sollte. Ich sah in die Menge.
Dann gab ich der Lunge ein letztes Mal Befehl und rief:
„Für die Heimat! Für Stalin! Tod den Faschisten!“ˢ
Dann wich der Boden.
VII. לופֿט — /luft/ — Luft
Der Fall war kurz. Ein rabiater Ruck in die Vertikale, dann Stillstand. Das grobe Seil fraß sich unnachgiebig unter den Kiefer, fixierte den Kopf in einer unnatürlichen Starre. Die Welt wurde eng. Mein Blut staute sich vor den Pforten des Schädels, ein pulsierendes Drängen gegen die Schläfen. Die feine, nadelstichartige Kälte des Novembers, die ich zuvor noch auf der Haut gespürt hatte, war bedeutungslos geworden. Die Lunge arbeitete im Leeren; sie sog gegen den Strick. Glieder zitterten ohne Halt. Eine vollkommene Überlastung der Sinne. Der strahlende Schmerz in meinem Bein erlosch.ᴰ
Ein Rauschen füllte den Kopf, als erhöbe sich ein Schwarm. Ein Rauschen wie von Tausend Geziefer, die jegliche Soldatenrufe übertönten. Mein Blickfeld verengte sich. Gaffer auf dem Platz zerflossen zu grauen Flecken. Beißender Blitze und Gleiße aus weißem Licht zuckten durch die Finsternis meiner Augen – das letzte Signal, bevor der Druck die Nerven brach.ᴰ
Dann nahmen Schwere und Dunkelheit überhand. Ich gab mein Gewicht an das Seil ab. Der Kampf war vorbei. Nur noch Gravität. Das Bewusstsein sank weg, Schicht um bleierne Schicht, bis nur noch das schwere Pendel meines leichter werdenden Körpers blieb. Ein Pendel aus Fleisch und grobem Tuch, das wie ein Windspiel in der Kälte klang. Die Stille war endgültig.ᴰ
Ich fiel heim.
VIII. ערד — /ɛrd/ — Erde
Mein Tod war kein Ende meiner Pflicht, sondern ihre finale Form. Mein Körper war Eigentum der Besatzer geworden, ihr Instrument der Abschreckung aus Haut und Holz. Aber die Informationen blieben trotz Peinigung und Folter in mir. Das Schloss war gebrochen, der Tresor blieb verschlossen.ᴰ
Partisanen nahmen mich nachts vom Schafott; sie übergaben mich der Erde. Drei Jahre lag ich in der Schande einer namenlosen Grube. Nach der Befreiung kehrte meine Frau im August 1944 heim ins Leere. Sie kam mit der Not der Witwe und der Pflicht gegenüber unseren drei Söhnen. Damit die Söhne Brot erhielten, musste sie meinen Tod bezeugen. Sie suchte die Stätte meiner Verscharrung. Zwei ihrer Schüler zeigten ihr die Stelle. Sie grub mich mit den bloßen Händen aus der Erde, bis ihr Fleisch meine Knochen fand.ˢᴳ
Sie hob sie mich aus dem Dreck. Sie gab mir eine letzte Ruhe in einem Ehrenmal auf dem zentralen Platz.ˢᴳ
Dort liege ich nun. Die Rechnung ist beglichen.

- Aus dem russischen übersetzt, bezeichnete „лишенцы“ [lʲɪʂɨnˈtsɨ] im sowjetischen Sprachgebrauch Personen, denen als sozial oder politisch unerwünscht geltende Elemente zentrale bürgerliche Rechte, insbesondere das Wahlrecht, entzogen waren. ↩︎
- Райпрофсовет (Raiprofkowet): Rajon-Sowjet der Gewerkschaften (regionale Gewerkschaftsverwaltung). ↩︎
- МПС (MPS): Abkürzung für Ministerstwo putej soobschtschenija – das Verkehrsministerium (meist im Zusammenhang mit der Eisenbahnverwaltung). ↩︎
- Райсоюз (Raisojus): Rajon-Verband der Konsumgenossenschaften. ↩︎
- Заготовщик обуви (Sagotowschtschik): Ein spezialisierter Handwerker in der Schuhherstellung, der das Oberleder (den Schaft) vorbereitet und zusammennäht, bevor es mit der Sohle verbunden wird. ↩︎
- Ein Handwerker oder Kleingewerbetreibender, der oft in Heimarbeit oder in kleinen Werkstätten produzierte. Im Kontext der 1920er Jahre (NEP-Phase) war die Arbeit bei „Privaten“ noch möglich, aber oft streng durch Gewerkschaftsverträge reguliert. ↩︎
- Трудколлектив (Trudkollektiv): Eine frühe Form der genossenschaftlichen Arbeitsorganisation in der Sowjetunion. ↩︎
- LKSMB: Belarussischer Ableger des Komsomol. ↩︎
- KP(b)B: Die kommunistische Partei auf Ebene der belarussischen Republik. ↩︎
- WKP(b): Die übergeordnete Unions-Partei (später KPdSU). Der Zusatz (b) steht für „Bolschewiki“. ↩︎
- Ученик (Utschenik): Im beruflichen Kontext bedeutet dies „Lehrling“ oder „Auszubildender“. Es bezeichnet jemanden, der in einem Betrieb oder einer Organisation praktisch in einen Beruf eingearbeitet wird. ↩︎
- Кредитное Товарищество (Kreditnoje Towarischtschestwo): Dies war eine genossenschaftliche Kredit- und Spareinrichtung. In der Zeit der späten 1920er Jahre dienten diese Organisationen dazu, Handwerker, Bauern und kleine Kollektive mit Krediten zu versorgen, bevor das Bankensystem vollständig zentralisiert wurde. ↩︎
- Союз Совторгслужащих (Sojus Sowtorgsluschaschtschich): „Gewerkschaft der Beschäftigten im sowjetischen Handel und in den staatlichen Einrichtungen“. Dies war eine einflussreiche Massenorganisation für Angestellte im öffentlichen Dienst und im staatlichen Warenhandel. ↩︎
- Im Kontext sowjetischer Gremien bedeutet dies eine hauptamtliche (besoldete) Funktion im Gegensatz zu ehrenamtlichen Tätigkeiten. ↩︎
- Райфо (Raifo): Abkürzung für Rajonny finansowy otdel – die lokale Finanzbehörde auf Distriktebene, zuständig für Steuern und Budgetplanung. ↩︎
- Ликвидация района (Likwidazija rajona): Bezieht sich auf eine Gebietsreform, bei der der Rajon Chotimsk zeitweise aufgelöst oder in eine andere Verwaltungseinheit (wie Kostjukowitschi) eingegliedert wurde. ↩︎
- Ликвидком (Likwidkom): Abkürzung für Likwidazionnaja komissija (Liquidationskommission). Diese Kommissionen wurden eingesetzt, um die Verwaltungsangelegenheiten (Personal, Inventar) abzuwickeln, wenn eine Behörde oder ein Rajon – wie zuvor erwähnt – aufgelöst wurde. ↩︎
- Инспектор Госдоходов (Inspektor Gosdochodow): Ein Inspektor für Staatseinnahmen war zuständig für die Erhebung von Steuern, Abgaben und anderen staatlichen Forderungen. ↩︎
- Зам Зав. РайФО (SamSaw. Raifo): Abkürzung für Samestitjel Sawedujuschtschewo Rajonnym finansowym otdelom – Stellvertretender Leiter der Rajon-Finanzabteilung. Dies war bereits eine bedeutende Führungsposition auf lokaler Ebene. ↩︎
- Управляющий отделения Госбанка (Uprawlajuschtschi otdelenija Gosbanka): Leiter oder Direktor der örtlichen Filiale der Staatsbank der UdSSR. ↩︎
- Госбанк (Gosbank): Die Staatsbank war das zentrale Finanzorgan der Sowjetunion, das sowohl als Zentralbank als auch als Geschäftsbank fungierte. ↩︎
- Член пленума (Mitglied des Plenums): Dies deutet auf eine Funktion in einem Entscheidungsgremium auf hoher Ebene (Republik-Ebene in Minsk) hin. ↩︎
- Союз Финбанковских работников (Sojus Finbankowskich rabotnikow): Die Fachgewerkschaft für Beschäftigte im Finanzwesen und in Banken. ↩︎
- Горфо (Gorfo): Stadtfinanzabteilung. ↩︎
- ЦП Союза (ZP der Gewerkschaft): Zentralny Sowjet – der Zentralrat. Dies war eine Funktion auf hoher politischer Ebene, die über den lokalen Rahmen hinausging. ↩︎
- НКФ БССР (NKF BSSR): Abkürzung für Narodny Komissariat Finansow – das Volkskommissariat (Ministerium) für Finanzen der Belarussischen SSR. ↩︎
- Снижение неплатежей (Senkung von Zahlungsausfällen): Dies war eine kritische Kennzahl in der Planwirtschaft. Es bedeutete, dass er Betriebe dazu brachte, ihre Rechnungen und Kredite pünktlich zu begleichen, was die Liquidität des Staates sicherte. ↩︎
- 300р. (300 Rubel): Zum Vergleich – das war damals ein beträchtlicher Betrag, der etwa einem monatlichen Durchschnittsgehalt eines qualifizierten Arbeiters oder kleinen Angestellten entsprach. ↩︎
- Старший лейтенант (Oberleutnant): Dieser Rang passt zu seiner zivilen Führungsposition und seinem Alter. In der Reserve entsprach dies oft der Ebene eines Kompanieführers oder – wie zuvor erwähnt – eines Politleiters (Политрук). Hier ist ein wichtiges Detail zu seinem „nicht-frontnahen/wirtschaftlichen“ Dienstgrad: In den Jahren 1940–1941 hatten solche Spezialisten tatsächlich eigene Dienstgrade wie „Technik-Intendant 2. oder 1. Ranges“. Ihre Rekonstruktion seines Status (kein „Frontkommandeur“, sondern Finanz- und Intendanturdienst) deckt sich also mit der Epoche. ↩︎
- Приписной состав (Reservistenbestand): Zivilisten, die einer militärischen Einheit zugeordnet waren und für Übungen („Sborn“) einberufen wurden. ↩︎
- Осовцы (Ossowzy): Ein Ort bei Brest, in dessen Nähe sich Übungsgelände und Flugplätze befanden. Es war ein typischer Ort für die Stationierung von Reservisten kurz vor Kriegsbeginn. ↩︎
- Дальше вы правильно чувствуете главный узел: как он мог «выйти» и потом оказаться снова в Могилёвской области. Если он был вне Цитадели (учебный лагерь/сборы/тыловая служба), то его наиболее реалистичный коридор — уход на восток в первые часы 22 июня вместе с выводимыми группами и техникой, пока дороги ещё не были перерезаны повсеместно; альтернативно — уход малой группой через леса уже после частичного окружения, но это резко опаснее. Попытки прорыва из самой крепости 26 июня (отряд 100–120 человек во главе с лейтенантом Виноградовым) известны: прорваться удалось, но затем группу почти полностью уничтожили/взяли в плен, то есть «модель прорыва» существовала, однако редко заканчивалась благополучно
https://history.gpk.gov.by/history/article/chronicle_of_first_battles_on_border/chronicle_17_th_of_red_brest_border_detachment_part_2/ ↩︎ - Nachdem die Wehrmacht Mogiljow im Juli 1941 besetzt hatte, begannen die Einheiten der Einsatzgruppe B und des Höheren ᛋᛋ– und Polizeiführers (HSSPF) Erich von dem Bach-Zelewski sofort mit der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Die von dir erwähnte „Lehr-Erschießung“ ist ein besonders grausames Detail dieser Zeit. Hier sind die Fakten dazu:
Die „Vorführung“: Im Oktober 1941 organisierte Bach-Zelewski tatsächlich Exekutionen, zu denen er ausdrücklich Offiziere der Wehrmacht und der Polizei einlud. Ziel war es, den Massenmord als „notwendige militärische Maßnahme“ zu normalisieren und die Hemmschwelle der Soldaten durch das Zusehen (und späteres Mitmachen) zu senken.
Methodik des Mordes: Die Täter sprachen oft von „Effizienz“. Es wurde experimentiert, wie man Menschen am „schonendsten“ für die Psyche der Täter (nicht der Opfer!) ermorden könne. Diese „Lehrstunden“ dienten der psychologischen Abstumpfung der Beteiligten.
Das Massaker Anfang Oktober: Zwischen dem 2. und 3. Oktober 1941 wurden in Mogiljow über 2.200 jüdische Männer, Frauen und Kinder ermordet. Kurze Zeit später, am 19. Oktober, folgte eine weitere große „Aktion“, bei der nochmals rund 3.700 Menschen erschossen wurden.
Die Berichte, die du zitierst, verdeutlichen den Übergang vom ungeplanten Exzess zur bürokratisch organisierten Vernichtung. Mogiljow war zudem ein Ort, an dem mit verschiedenen Tötungsmethoden experimentiert wurde (darunter auch Versuche mit Gaswagen und Sprengstoff), bevor die Gaskammern in den Vernichtungslagern zum Standard wurden.
Hintergrund zur Quelle: Solche präzisen Beschreibungen finden sich häufig in den Dokumentationen von Wassili Grossman und Ilja Ehrenburg (im „Schwarzbuch“) oder in den Prozessakten der Nachkriegszeit, die das Grauen der Einsatzgruppen minutiös festhielten. ↩︎ - По материалам Яд Вашем, гетто в Могилёве было создано 13 августа 1941, а затем последовали «акции» массовых убийств, которые особенно резко усилились в октябре. https://www.yadvashem.org/education/educational-materials/lesson-plans/mogilev/during-holocaust.html
В самом Могилёве за октябрь 1941 фиксируются две крупные волны расстрелов: 2–3 октября убили 2 273 человека (в источниках часто разбито как 65 человек 2 октября и 2 208 человек 3 октября), а 19 октября ещё 3 726 человек. Если сложить только эти две операции, получается минимум 5 999 убитых за октябрь. https://www.yadvashem.org/education/educational-materials/lesson-plans/mogilev/during-holocaust.html
По другим пунктам Могилёвской области в 1941 году самые «тяжёлые» по масштабу эпизоды тоже приходятся на осень, уже после закрепления оккупационной администрации и после «отлова» тех, кто не успел уйти на восток. Для Бобруйска (Могилёвская область) в научной публикации отдельно разбирается массовое убийство 7–8 ноября 1941 года: 5 281 еврей был расстрелян у деревни Каменка под Бобруйском; это один из наиболее документированных эпизодов региона. https://pdfs.semanticscholar.org/0e47/ce2600f6099844a47707a436fc0a9db7cd1f.pdf
Для Климовичей (тоже Могилёвская область) на уровне мемориальной фиксации указано: «более 900» евреев были расстреляны 6–7 ноября 1941.
https://cja.huji.ac.il/hmm/browser.php?id=9343&mode=set
Для Кричёвского района в мемориальной базе приводится оценка «около 336» убитых осенью 1941.
https://cja.huji.ac.il/browser.php?id=33322&mode=set
↩︎ - Die Feldgendarmerie (Kettenhunde): Sie fungierten als Militärpolizei der Wehrmacht und waren oft die ausführende Gewalt bei Razzien in Dörfern.
Die GFP (Geheime Feldpolizei): Die „Gestapo der Wehrmacht“, die gezielt Jagd auf Widerstandskämpfer und Funktionäre machte. Im Bericht wird zwar die „Gestapo“ erwähnt, im Frontgebiet war dies jedoch oft die GFP, deren Methoden identisch waren.
Die Schutzmannschaft (Schuma): Lokale Kollaborateure, die den Deutschen unterstellt waren. Sie kannten die Gegend und die Menschen am besten – so wie die im Text erwähnten Brüder Schandow. ↩︎
