Ein genealogisches Interview
Wer Hunger hat, trägt Wasser.
Redaktionelle Notiz
Der folgende Text stellt eine literarische Rekonstruktion auf Grundlage von genealogischen Dokumenten, Familienüberlieferungen und historischen Kontextualisierung dar. Die deutsche Fassung ist keine historische Tonaufnahme, sondern eine erzählerische Annäherung an eine mögliche Stimme der Person.
I. ליכט — /lɪxt/ — Licht
Die Küchenluft schmeckt nach kaltem Fett und der Säure längst erkalteter Suppe. Das Licht der Glühbirne unter dem Lampenschirm zittert anämisch, fast kränklich gelb, als würde der Strom widerwillig, nur Tropfen für Tropfen, wie durch eine Infusion in die spröden Kabel sickern. Darunter verharrt Haja. Der Lampenschirm hält ihr Gesicht im Schatten zurück; nur ihre Hände liegen im matten Kreis des Lichts.
Jenseits des Lichtkegels bluten ihre Konturen in ein flirrendes Zwielicht aus. In diesem Schattenreich aus nervösen Geflechten verliert die Ordnung ihren Halt; die Zimmerecken geben ihre Geometrie an das körnige Rauschen der Netzhaut ab. In dieser Instabilität bleibt der klebrige Küchentisch die letzte Gewissheit – eine schmutzige Insel der Greifbarkeit, bevor das Vergessen alles schluckt. Alles hängt an einem mürben Draht.
Auf dem fleckigen Wachstuch liegen ihre Hände wie gestrandete Gerippe. Ein blaues Geäder zieht sich durch eine Landschaft aus gichtigen Knoten und tiefen Rissen, zwischen denen ihre pergamentene Haut spannt.
Es sind Hände, die nicht mehr ganz aufbrechen, geformt vom jahrzehntelangen Griff um eisige Eimerbügel. Jeder Atemzug schickt ein leises Pfeifen durch die Stille. Es ist das Sediment einer Lunge, die den Staub der Kontore nie wieder freigab.
Sie wartet nicht auf Fragen. Sie lässt sie einfach geschehen.
II. הונגער — /ˈhʊŋɡər/ — Hunger
Interviewer: Haja, Gegenstand der vorliegenden Gespräches ist die Rekonstruktion Ihres Lebenslaufs. Wir beginnen mit der Verifizierung der familiären Daten. Gemäß den Parteikadernachweisen Ihrer Söhne trat der Sterbefall Ihres Ehemannes Girsch Yakubovich im Jahr 1913 ein. Zum fraglichen Zeitpunkt befanden Sie sich schätzungsweise in der dritten Lebensdekade und verblieben mit zwei minderjährigen Söhnen im Alter von sechs und zwei Jahren am Standort Chotimsk im Gouvernement Mogilew des Russischen Kaiserreiches. Kapitalrücklage war dem Vernehmen nach nicht gegeben. Nennen Sie bitte den exakten Zeitpunkt, an dem die Aufnahme einer unselbstständigen Erwerbstätigkeit in privaten Haushalten zur Existenzsicherungsstrategie wurde.
Haja: Es gab keinen Zeitpunkt. Es gab nur Hunger. Wer Hunger hat, trägt Wasser. Das ist die ganze Erklärung.
Interviewer: Wie haben Sie den ersten Tag nach dem Begräbnis verbracht?
Haja: (kratzt ihre Hände, die Stimme ist trocken) Was gibt es da zu fragen? Der Platz am Tisch war leer, aber die Mägen der Kinder waren es auch. Girsch war tot. Er arbeitete in der Schul, ein armer Schlucker, Adonai hab ihn selig. Hinterlassen hat er uns gar nichts – nur seinen Namen. Fragt eine Mutter in so einem Moment vielleicht: „Wie geht es mir?“ Nein. Da wird nur gefragt: „Wo ist die Arbeit?“ Ich bin zu den Leuten gegangen im Schtetl, zu denen, die noch hatten ein paar Kopeken. Wer ein Dach über dem Kopf will, muss sich bücken. Also habe ich mich gebückt.
Interviewer: Welcher ‚Schul‘ war seine Erwerbstätigkeit zum fraglichen Zeitpunkt zugeordnet?
Haja: (Ihre Hände halten das Tuch, als würde sie dort die Antwort lesen) In der hölzernen von Chotimsk, der großen. Was soll das ändern, den Namen heute noch zu kennen? Alles ist abgebrannt und abgerissen. Für die Gemeinde war es ein Haus für Gott, aber für Girsch war es nur eine Stube voller Schatten und Zugluft. Nacht für Nacht hat er dort gewacht, damit das Ewige Licht nicht verlischt, während sein eigenes Licht immer kleiner wurde. Ein Wächter in der Schul ist wie ein alter Besen – man braucht ihn, damit es rein ist, aber niemand weint, wenn er bricht. Als Girsch starb, hat die Gemeinde gebetet, ja. Gebete machen aber keinen Bauch voll. Die Schul ist geblieben, Gott ist geblieben, nur wir – wir sind hinausgefallen aus der Welt.
III. אַרבעט — /ˈarbɛt/ — Arbeit
Interviewer: Die Deklassierung von der Gattin eines Melameds1 und Synagogenangestellten zur unqualifizierten Hilfskraft bei wohlhabenden Bürgern stellt einen rapiden Abstieg dar. Beschreiben Sie die physischen Entbehrungen der ersten Winterperiode des Jahres 1913 nach diesem Ereignis.
Haja: (Ein kurzes, trockenes Schnauben, das fast wie ein Husten klingt) Abstieg? Wenn der Magen knurrt, hat der Abstieg keinen Ton mehr. Im Schtetl weiß jeder alles, aber Mitleid gibt kein Brot.
Im Winter ist das Wasser wie ein flüssiges Messer. Man schleppt die Eimer vom Brunnen, und das Eis wächst am Rock hoch, bis man schwer ist wie ein Stein. Die Finger werden erst rot, dann blau, dann spürt man sie gar nicht mehr. Das war mein Glück – wer nichts spürt, kann länger arbeiten. Ich habe den Dreck von anderen Leuten weggerieben, damit meine Söhne nicht im Dreck verhungern.
Alles habe ich gemacht, was die Herrschaften nicht selbst machen wollten. Wasser holen vom Brunnen – und der Weg war im Winter spiegelglatt. Holz hacken, die Öfen heizen. Die Wäsche im Fluss spülen, bis die Finger blau waren und man sie nicht mehr gespürt hat. Und die Bäder. Ich habe das Wasser für die Badstube geschleppt. Eimer für Eimer. Man merkt erst, wie schwer Wasser ist, wenn man es den ganzen Tag auf den Schultern trägt.
Interviewer: Die autobiographischen Aufzeichnungen Ihres Erstgeborenen, Schalom, datieren den Eintritt in das Erwerbsleben als Schusterlehrling auf sein elftes Lebensjahr. Wir befinden uns chronologisch im Jahr nach der Oktoberrevolution von 1917. War diese frühzeitige ökonomische Indienststellung Ihre bewusste Entschließung?
Haja: Was meinen Sie?
Interviewer: War es Ihre Entscheidung, dass Ihr mit elf Jahren in das Berufsleben eintritt?
Haja: (kurzes, freudloses Lachen) Entscheidung? Meine? Gefragt hat uns das Leben nicht, es hat einfach bestimmt. Krieg war, Umbruch war, und in der Kooperazija, da war gar nichts. Ein Jüngel von elf Jahren, der braucht doch mehr im Magen als nur ein trockenes Stückel Brot. Lernen hat er müssen ein Handwerk, das war gut für ihn. Ein Mann ohne Handwerk, wissen Sie, das ist wie ein Haus ohne Grund. Es steht eine Weile vielleicht, aber halten tut es nicht. Gejammert haben wir nicht, wer hatte dafür Zeit? Er ist gegangen in die Arbeit, ich bin gegangen in die Arbeit. Und am Abend gab es eine Suppe, wenn HaSchem es hat gewollt. Funktioniert haben wir. Das ist alles.
Interviewer: 1918 sind Sie dann in die Gewerkschaft eingetreten und haben eine Stelle als Köchin in der Kantine der Kooperative bekommen. Das klingt nach einem sozialen Aufstieg, weg von den privaten Häusern. Hat sich Ihr Leben dadurch verändert?
Haja: (Ihre Finger kratzen fast unmerklich an einer Stelle des Wachstuchs, wo das Muster längst abgerieben ist) Sie meinen den Profsojus? Ja, ein Schild war das. Ein Papierel, damit die Buschwah2 einen nicht einfach wie einen räudigen Hund wegjagt von der Schwelle. Ein Aufstieg, sagen Sie? Ein Aufstieg ist es vielleicht in auf dem Papiere. Aber Arbeit, wissen Sie, Arbeit ist immer Arbeit. Ob man schrubbt für die Herrschaft oder für die Kooperazija – der Rücken fragt nicht nach der Politik.
In der Kantine, da war eine Hitze, dass einem der Verstand weich wurde. Und die Kessel – groß wie Fässer. Die Menschen kommen mit ihrem Hunger, sie haben schlechte Laune und böse Worte, sie fressen einem die Ruhe weg. Geatmet hab ich dort nur Dampf und Fett. Später dann die Kontore. Putzen. Man denkt, es ist feiner, aber Dreck bleibt Dreck. Er kriecht in die Brust und setzt sich fest wie Kalch oder Wejs. Wie heißt das noch…?
Interviewer: Kalk.
Haja: Ja! Sauber hat es sein müssen für die Herren Beamten. Wenn die kommen am Morgen mit ihren Kragen, wollen sie glänzende Böden sehen unter ihren Stiefeln. Ich habe die Asche aus den Öfen gekratzt, ich habe gewischt, bis die Knie keine Kraft mehr hatten. Für die war ich ein Besen, der zufällig atmet.
IV. רוקן — /ˈrʊkn/ — Rücken
Interviewer: Im Jahr 1929 erfolgte Ihre Verrentung unter der Klassifizierung als ‚Arbeitsinvalidin‘, noch vor Erreichen der fünfzigsten Lebensdekade. Definieren Sie die psychophysische Auswirkung der abrupten Beendigung Ihrer produktiven Lebensphase.
Haja: (schweigt)
Interviewer: Wie haben Sie sich körperlich gefühlt, als Sie berentet wurden?
Haja: (sie reibt sich unbewusst die Knie) Der Körper sagt es einem schon lange vorher, man hört nur nicht zu. Irgendwann ging es nicht mehr. Die Beine wollten die Treppen in der Kontore nicht mehr hoch, der Rücken ist geblieben wie ein Fragezeichen. Die Strachkassa hat mir die Pension gegeben. Was soll ich sagen? Alt bin ich gewesen mit vierzig Jahren. Eine ganz alte Frau. Aber die Söhne, baruch haSchem, sie waren schon aus dem Gröbsten raus. Schalom, er war schon in Tschernigow, und Simcha, er hat seinen eigenen Weg gehabt. Bin ich also zu Schalom gegangen. Eine Frau wie ich, wenn die Hände nicht mehr greifen können das schwere Eisen und die Eimer, dann setzt sie sich eben in die Ecke. Man sitzt, und man schaut zu, wie die Welt rennt. Das ist die Ordnung, so hat es HaSchem gemacht.
Interviewer: In den 1930er Jahre erfolgte eine Transition in den Haushalt Ihres Sohnes Schalom, in Tschernigow. Markiert diese Phase nach den vorangegangenen Jahren der exzessiven Arbeitsbelastung einen erstmalig stabilen Ruhezustands?
Haja: (seufzt) Ruhe? Was heißt Ruhe? Ruhe ist a Wort für Menschen, was haben gar nichts zu tun in Leben. A Mutter hat niemals Ruh. Auch wenn die Beine schon lange nicht mehr wollen, der Kopf, der arbeitet doch weiter. Bin ich also bei Schalom gewesen. Er hat schon gehabt a eigene Familie. Bin ich gesessen in die Kuchl, hab ich geputzt das bissele Gemüs‘, hab ich gestopft die Socken, hab ich gegeben a Acht auf die Kinder.
Ich war nicht mehr die Kraft, was hält zusammen das Haus auf die Schultern, nur noch a Schatten, was schaut, dass die Ecken bleiben rein. A alter Besen, wissen Sie, der kennt jede Eck’ besser als die jungen Leut’. Versteht man das?
Interviewer: Ja.
Haja: Aber gut war es. Brot war auf dem Tisch, die Mischpoke war da. In Tschernigow, da war mein Schalom a großer Mensch, a Ganzer, a Predsedatel3 von der Kooperazija. Gekümmert hat er sich um seine alte Mame. Gott soll ihm geben a Licht für das, was er hat getan.
V. מלחמה — /mɪlˈxɔmə/ — Krieg
Interviewer: Das Jahr 1941 markiert den Kriegsbeginn. Ihr Sohn Simcha, später Simon, wurde im Oktober 1941 im Raum Kostjukowitschi umgebracht. Wie haben Sie diese Nachricht erhalten?
Haja: (ihre Stimme wird noch leiser, fast tonlos) Schwarze Voigel, das sind die Nachrichten im Krieg. Sie kommen immer genau dann, wenn man sie am wenigsten hat gerufen. „Er kommt nit zurück“, haben sie gesagt. Und was soll machen ich da? Schreien? Wenn du schreist, verbrauchst du die Kraft, und die Kraft, die braucht man doch zum Überleben.
Mein Jüngster war er. Mein Simchele. Wo die Not war am größten, da war er. Erst der Tate 1913, dann der Suhn 1941. Hungrig auf Männer ist dieses Land, einfach auffressen tut es sie. Gebetet hab ich für ihn, auf meine Weise zu HaSchem, aber was hilft das Beten gegen das Eisen? Weiteratmen hab ich müssen für die anderen. Die Eynikel, meine Kinderlach, waren noch da… man kann nit liegenbleiben und sterben, wenn die Kleinen Hunger haben. Weg haben wir gemusst. Einfach weg in die Kälte, damit das Leben nit ganz aufhört.
Interviewer: Betrachten wir den Evakuierungsvorgang: Eine gesundheitlich beeinträchtigte Frau und eine Schwiegertochter mit Kleinkindern. Wie haben Sie die Flucht empfunden?
Haja: (Sie wiegt den Oberkörper ganz leicht vor und zurück) Schmutz. Kält. Das Rattern der Waggons, das nie aufhört. Auf die Pekel4 haben wir gesessen, auf unsere bissele Hab und Gut. Wenn du hörst, wie die Flieger kommen, dann zitterst du nicht für dich, du zitterst für die Kinder. „Fahr weiter!“, schreist du im Herzen, „Bleib bloß nicht stehen!“ Wie das Vieh hat man uns getrieben von einen Waggon in den anderen, kein Mensch warst du mehr.
Mein Rücken, der war schon längst kaputt von die Jahre in die Kontore, und die Beine – geschwollen waren sie, Gott bewahr uns, dick wie die Stämme. Aber was willst du machen? Man rückt zusammen, man wärmt sich mit den Atem vom Nachbarn. In die Ewakuazija, da fragt dich keiner: „Haja, bist du Invalide? Haja, tut dir was weh?“ Wenn du nicht läufst, bleibst du liegen. Und wer liegen bleibt, den frisst der Schnee. Wir? Wir sind nicht liegen geblieben. Wir haben uns festgehalten an das Leben, „Haj“ auf Hebräisch, bis der Rauch sich endlich verzog.
VI. עמער — /ˈɛmər/ — Eimer
Interviewer: Danke für die Antwort. Wir zeichnen das Jahr 1944: die Rückkehr an den Standort Kostjukowitschi, die zeitlich unmittelbar mit Ihrem Tod korrespondiert. War die Erreichung des Zielorts für Sie mit einem Ende Ihrer irdischen, diesseitigen Laufbahn verknüpft?
Haja: (ihre Hände lassen das Küchentuch los) Nur den Boden unter die Füß’ hab ich wollen spüren noch einmal. Den Boden, den man kennt. Kostjukowitschi… was soll ich Ihnen sagen? Ein Schtetl war es nicht mehr. Ruinen nur, Asch, ein graues Nichts. Aber heim war es doch. Unser Heim.
Müde war ich, wissen Sie? Aber nicht so eine Müdigkeit, wie wenn eine Frau den ganzen Tag die Wäsche für die fremden Leut’ hat gewaschen. Nein. Eine Müdigkeit war das, die hat sich ganz tief in die Knochen gesetzt. Der Schalom, er hat gelebt, Gott sei Dank. Und die Eynikl, sie waren da – mein bissele Naches. Dos Gliks-Rad, wissen Sie, es dreht sich weiter, auch wenn man selbst nicht mehr kann. Getragen hab ich meine Last, alles hab ich getan. Die Veder hab ich geschleppt, diese schweren, verfluchten Eimer. Durch den Hunger hab ich die Kinder gezogen, an meinen eigenen Sehnen hab ich sie gehalten, damit sie nicht fallen. Den Krieg hab ich überlebt, Goles — Flucht. Und danach… danach war es genug. Zeit war es, zu legen die Hände in den Schoß. Still zu sein. Endgültig.
Interviewer: Wir kommen zum Abschluss. Wenn Sie Ihren Nachfahren eine Quintessenz Ihres Daseins hinterlassen könnten – jenseits aller politischer Einflüsse, rein auf das menschliche Leben bezogen: Was wäre das?
Haja: (ihre Pupillen flackern in der Dunkelheit, sie sieht den Interviewer erstmals direkt an) Vos zol ich euch zogn afn sof? Kukt af meine Kinder. Simche, Sholem… sie schleppen nicht kejn ejmer. Un sejere Rücken zenen nicht gebogn bis zu der Erd. Warum? Wejl sie hobn lirnen. Me darf gejn hecher, höher gehen, farschtejn? Nehmt Euch on an Bücher schtarker vi an ejmer. Damit Euer Rücken soll bleibn gleich un nicht werden wie mein chrebet — an ejwiker frage-zejchen. Lernen — dos hejst nischt zu zejn a Besen vos otmet als Zufall. Kol-zman ihr hob noch koach… Kraft — tzi-et sich zum Lichte. Guckt nach oben, nischt unter di fiss. Dos iz mein bafel tsu ejch. Dos iz mein tzivoe.
Jetzt — in gantsn genug.
