Einzelwerk / Werkkommentar
Aquarell und Mischtechnik · 2022

Mein Herz brennt, 2021
Mischtechnik: Aquarell („White Nights“, Nevskaya Palitra, honiggebunden), eigenes Blut, Graphit und Farbstift auf Karton der Marke „Hahnemühle“, 40 × 30 cm (Blatt)
Signiert u. r. mit Bleistift auf aquarelliertem Grund; verso bez.
Darstellung eines entzündeten menschlichen Herzens nach der Diagnose einer subakuten lymphozytären Myokarditis; Titel nach dem gleichnamigen Rammstein-Lied
Inv.-Nr. DY-2021-AQ-002
© Daniel Yakubovich.
Das Aquarell „Mein Herz brennt“ (Inv.-Nr. DY-2021-AQ-002), benannt nach dem gleichnamigen Rammstein-Lied, ist weder Illustration noch anatomische Studie. Sie ist der Versuch, einem inneren Vorgang Form zu geben, der sich dem Blick entzieht und in der Sprache der Medizin nur als blasser Schatten seiner selbst erscheint. Der Begriff der Entzündung trägt seine Metapher bereits in sich. Das lateinische inflammare bedeutet entflammen, in Brand setzen. In der medizinischen Terminologie ist diese Bildlichkeit längst zur Routine verknöchert; im Durchleben der Krankheit gewinnt sie ihre Schärfe zurück. Was die Sprache der medizinischen Befunde und Berichte dämpft, kehrt im Bild als Temperatur und Trübsal wieder. Das Blau und Violett des Herzmuskels wird von Glutherden durchsetzt, die weniger naturalistisch als thermisch zu lesen sind. Es übersetzt den biochemischen Prozess visuell und gibt dem Organ jene Hitze zurück, die der Befund in der Trockenheit seiner Sprache nicht vermitteln kann.
Von besonderem Gewicht ist das Material. Die honiggebundenen Aquarellfarben der Serie „White Nights“ aus Sankt Petersburg wurden mit meinem eigenen Blut vermischt. Damit gelangte ein Medium ins Bild, das während der Krankheitsphase durch den entzündeten Herzmuskel zirkulierte, Träger von Entzündungsmarkern war und zugleich jenen Medikamentencocktail aufnahm, der dem Brandherd Einhalt gebieten sollte. Blut als Pigment ist allerdings riskant, weil es chemisch instabil ist, nachdunkelt, oxidiert und sein lebendiges Rot allmählich verliert, bis es in Braunwerte übergeht. Es wurde deshalb sparsam eingesetzt.
Niemand ist gesund, sondern höchstens nicht gründlich genug untersucht. Diagnosen sind eine Frage der Gründlichkeit. Wo der Körper einmal in den Blick geraten ist, entstehen Befunde und Berichte; es folgen Medikamente, Verlaufskontrollen und Monitorings. Diese Bürokratie des Siechtums ist notwendig, aber sie verwandelt den Menschen fast zwangsläufig in einen Behandlungsfall. Das Eigene wird in Messwerte überführt; der Körper wird stabilisiert, kontrolliert, nach Protokoll behandelt. Die Arbeit gehört zu dem Versuch, dieser Abstraktion eine Form abzuringen. Sie ist nicht therapeutische Selbstbesänftigung und keine nachträgliche Selbstheroisierung. Sie markiert die Wegscheide, an der ein pathologischer Vorgang aus der Passivität des Erleidens in die Aktivität des Gestaltens überführt wird.
Nicht jeder Befund erklärt eine Krankheit. Nicht jeder Messwert berührt die Erfahrung. Nicht jede Stabilisierung ist schon Genesung. Das Bild macht die Krankheit nicht ungeschehen. Es setzt ihr eine Form entgegen. Manchmal beginnt Genesung nicht erst dort, wo die Werte sich normalisieren, sondern dort, wo der Krankheit eine menschliche, allzumenschliche Form abgerungen werden kann.


